Windkraft im Wald und die stille Entwertung unserer Lebensräume

Nationalpark Kellerwald-Edersee – noch ohne Windinustrieanlagen

Dr. Stephan Kaula
Ein Artikel der Naturschutz-Initiative (21.05.2026)

Wer heute im Nationalparkzentrum am Nationalpark Kellerwald-Edersee vor den großen Panoramascheiben steht und über den Edersee blickt, erlebt eine Landschaft, die für viele Besucher den Inbegriff von Natur darstellt.

Genau in dieser Blickachse, auf der gegenüberliegenden Höhe soll ein Windpark entstehen. Die Anlagen werden nicht im Hintergrund verschwinden, sondern zentral im Sichtfeld über dem Edersee aufragen und die Szenerie prägen.

Damit wird aus einem technischen Projekt ein sichtbares Statement: die Behauptung, dass sich Naturschutz und industrielle Nutzung derselben Landschaft miteinander vereinbaren lassen.

Der Wald ist jedoch kein dekorativer Hintergrund unserer Zivilisation. Er ist Lebensraum, Klimaregulator, Wasserspeicher und Rückzugsort – für unzählige Arten und auch für uns Menschen. Wir sind Teil dieses Systems. Und dennoch verändern wir es derzeit in einer Weise, die weniger einem behutsamen Umbau als einer schrittweisen Industrialisierung gleicht.

Diese Entwicklung steht nicht für sich. Mit der Umsetzung der europäischen Richtlinie RED III wurden in Deutschland sogenannte Beschleunigungsgebiete für den Ausbau der Windenergie eingeführt. Umweltaspekte werden dabei stärker auf die Planungsebene verlagert, während das eigentliche Genehmigungsverfahren verkürzt und vereinfacht wird.

Was als Effizienzgewinn gedacht ist, hat eine strukturelle Folge: Die detaillierte Prüfung konkreter Projekte tritt in den Hintergrund, zugunsten pauschaler Annahmen und standardisierter Bewertungen. Damit verschiebt sich der Umgang mit Umweltwirkungen – weg von der Einzelfallbetrachtung, hin zu einer generalisierten Vorbewertung.

Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Literatur ein anderes Bild. Eine systematische Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der untersuchten Tierarten Windenergieanlagen meidet – häufig in Abständen von mehreren hundert Metern bis hin zu mehreren Kilometern(1). Betroffen sind unter anderem Greifvögel wie der Rotmilan, störungssensible Waldarten wie der Schwarzstorch, zahlreiche Fledermausarten sowie viele Zug- und Wasservögel.

Diese Verdrängung entzieht Arten Lebensräume

weiterlesen