Windkraftanlagen sind ein präsentes Thema heutzutage – als Wirtschaftsfaktor, als Klimaretter, als Landschaftszerstörer. Und alles wird belegt und bewiesen, mal so, mal so, je nachdem, woher der Wind weht.
Ich möchte einfach mal den Blick auf etwas anderes richten als die bekannten und unbekannten Zahlen, sogenannten Fakten und „objektiven“ Statistiken zu den Vor- und Nachteilen der Windkraftanlagen. Es gibt kaum etwas Subjektiveres als die Objektivität dieser Zahlenreihen und Aufzählungen. Die Ästhetik ist davon ausgenommen, hier geht es ums Empfinden, um das Gefühl, um Bedürfnisse, hier geht es um das Lebendige. Die entscheidenden Faktoren sind nicht der Kopf und die Intelligenz – schon gar nicht die künstliche -, sondern das Herz, die Seele, die Sinne. Ästhetik ist nicht messbar.
Schon immer hat der Mensch die Urbanisierung vorangetrieben, und schon immer folgt der Mensch der Sehnsucht, sich dessen zu entziehen. Ihm wohnt natürlicherweise das Bedürfnis inne, sich in die Natur zu begeben, sich der Ruhe, der natürlichen Ausgeglichenheit hinzugeben, der hektischen Atmosphäre zu entkommen und zur Entspannung zu gelangen. An die Stelle von schnöden Wohnblocks, grauen Industrieanlagen und hektischem Verkehr aller Art tritt die landschaftliche Schönheit der Natur. Wälder, Wiesen, Küsten, selbst Kulturlandschaften mit wogenden Getreidefeldern befriedigen zu tiefst das Bedürfnis des Menschen nach unbegründeter Erfüllung seiner selbst.
Ich bin bildender Künstler und bin 2016 mit meiner Frau ins Wendland nach Küsten gezogen. Ich trete aus unserem Haus und gehe 400 Meter und bin im Wald, dem Nienhofer Forst, was ein wichtiger Grund war bei der Entscheidung für unser jetziges Heim. Ein Weg führt dann am Waldrand entlang, offenes Gelände nach Süden, nach ca. 1 km kommt „Mama´s Bank“. Wir sitzen dort sehr oft und genießen den Blick über das Feld gen Süden, auf die Waldränder, auf die großen, knorrigen vereinzelt stehenden Eichen am Feldrand. Ich komme zur Ruhe, denke an (fast) nichts, beseelt, entspannt und glücklich, ich genieße meine Sinne und deren Fähigkeiten wahrzunehmen, was immer mir begegnet.
Wie schon oben erwähnt, jede Generation verändert die Landschaft mehr oder weniger, es werden Zäune, Grenzstöcke, Hinweistafeln oder auch Aussichtstürme gebaut. Solange diese sich in Form, Material und Farbe in die Landschaft einfügen, der Umgebung angemessen gebildet werden, können sie sogar das Natur-Bild ergänzen und rufen keine Irritationen hervor. Die Eigenart der Natur bleibt erhalten.
Nun werden überall in Deutschland flächendeckend Windkraftanlagen errichtet und noch viele mehr werden geplant und wohl auch gebaut werden – auch hier im Wendland. Und das in einem bisher nie dagewesenem rasanten Tempo und gigantischen Ausmaß. Es grenzt schon an Wahnsinn, was hier in Deutschland beabsichtigt wird. Dazu kommen die Eingriffe zur „notwendigen“ Infrastruktur für die Installation der Anlagen und für die Stromautobahnen, die Naturgebiete in ganz Deutschland zerschneiden werden. Für mich ist die Errichtung der massen- und mastenhaften Industrieanlagen eine unnachahmliche Respektlosigkeit vor Mensch und Natur.
WEAs mit mittlerweile gigantischen Höhen von 250 Metern oder mehr lassen sich nicht mehr in die Landschaft integrieren, besonders nicht hier im flachen Wendland, aber auch in bergigen und hügeligen Gegenden. Durch den industriellen Charakter werden sie in der Natur als besonders entfremdend erlebt. Die Höhe und die weit ausladenden Rotorblätter sind naturfremde Strukturen und sorgen für Unruhe. WEAs bedeuten schlicht eine unübersehbare Dominanz in dem an sich natürlichen Erscheinungsbild – sie übernehmen die optische Ordnung. Gerade hier im Wendland wirken WEAs aggressiv auf den langgestreckten Horizont, der natürlicherweise Weite und eine Verbindung zum Himmel herstellt. Das Bild der Ganzheit wird zerstört. Rotorblätter verlassen das Bild nicht wie fahrende Autos, Flugzeuge usw. Sie kreisen ständig in unserem Blickfeld und nötigen den Betrachter, sie immerfort wahrzunehmen. Man kann nur schlecht wegschauen. Je größer der Windpark, desto verriegelter die Landschaft – man schaut durch ein Gitter auf die ehemals freie Landschaft. Es gibt keinen „Weitblick“ mehr. Auch besonders exponierte Punkte in der Landschaft werden durch WEAs ihrem eigentlichen Sinn, dem Genuss des Betrachtens, enthoben. Durch die flächendeckende Errichtung von Windanlagen wird die Unterschiedlichkeit der Landschaften aufgehoben – es findet eine gleichförmige Nivellierung statt, vergleichbar mit den ewig gleichen Fußgängerzonen in den Großstädten. Es wird uniform in der Ansicht der Landschaften. Ohne Frage bedeuten WEAs eine immense Lichtverschmutzung in der Dunkelheit. Ungestörte Lichtverhältnisse in der Nacht sind ein wichtiger Charakter insbesondere hier im Wendland. Diese blinkenden Lichter sind gerade in der Nacht immens aufmerksamkeitserregend.
Zum Schluss: das Ende der Stille!
Meine Quellen sind in erster Linie eigene Beobachtungen, Erfahrungen und Empfindungen. Und Auszüge aus dem Buch „Landschaftsästhetik heute“ von Prof. Dr. Werner Nohl.
Gerald Brieskorn, Küsten, Künstler und Mitglied der BI „Initiative pro Wald“